Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Das Versmaß und die Montage

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Um das Erlernen zu erleichtern, sind in der „Neuen Welt“ selbst geschichtliche Berichte und Entstehungssagen, die in der „Alten Welt“ in Prosa geschrieben worden wären, in ein Versmaß gebracht. Ein besonderes Stil­mittel der poetischen Form bestand in der Aneinanderreihung von zwei eindringlichen Begriffen, die ein drittes, ungenanntes Wort ausdrücken. Dieses Stilmittel gleicht der Montagetechnik der großen Meister des sowjetischen Stummfilms, denen es weniger darauf ankam zu erzählen, als durch die Aneinanderreihung von Bildern bestimmte Assoziationen hervorzurufen. „Der Gram wächst, die Tränen rinnen: choquiztli moteca ixayotl pixahui“ = Trauer. „Meine Hand, mein Fuß“ war in der alt-mexikanischen Lyrik die Umschreibung für „mein Körper“. „Jadegestein, Quetzalfedern“ bedeuten „kostbar, Reichtum, Schönheit“. „Sein Wort, sein Atem“ ist das Synonym für „seine Rede“. „Wasser und Hügel“ stehen für den Begriff „Siedlung“.

„Speer und Lanze“ oder „Wasser und Feuer“ meinen „Krieg“. „Matte und Schemel“ verkörpern „Autorität, Würde“. „Wolken und Nebel“ drücken das „Geheimnis der Fremde“ aus. „Hemd und Bluse“ ist die Umschreibung für „Frau“, „Nacht und Wind“ die für die „unsichtbaren Götter“. „Blume und Gesang“ ergibt den Begriff für „Ge­dicht“. Durch rhythmisch angeordnete Wiederholung wird die Eindringlichkeit dieser Dichtung noch verstärkt. Als diese Dichtung zur Literatur wurde – mit den Lettern der Eroberer in der Sprache der Unterlegenen aufge­zeichnet – ging viel von der ehemaligen Schönheit verloren. Trotzdem hat sich noch genügend von der Substanz dieser eigenartigen wie zwiespältigen Dichtung erhalten, gibt sie Einblick in die Geisteswelt und zeigt, daß die poetische Begabung dem bildhauerischen Talent dieses Volkes keineswegs nachstand (Eine Übersetzung alt-mexikanischer Poesie ist notgedrungen vor Probleme gestellt. Eine wortwörtlich Übertragung wird nur „bedingt“ einen Eindruck vermitteln können; allerdings muß man sich auch davo hüten, der Freiheit allzu großen Lauf zu lassen. Der Verfasser, gestützt auf den Originaltext, englische, spa nische wie deutsche Übersetzungen, soweit sie natürlich vorhanden sind, versuchte einen Mittelweg zu finden um den Eindruck der „Dichtung“ wiederzugeben).

„Ich verstehe mich auf Farben und mische die Blumen.

Schön wie ein Halsband ist unser Lied, ist unser Gesang.“ (Aus einem „mexikanischen Heldengesang“, der in einem Manuskript der National-Bibliothek in Mexiko aufbewahrt ist. Der Autor der „Cantares Mexicanos“, die in Nahuatl niedergeschrieben sind, blieb anonym Nach alten Überlieferungen dürften diese „Gesänge“ in der Zeit zwischen 1536 und 1564 in lateinischen Letterr aufgezeichnet worden sein. In manchen Passagen – die in der vorliegenden Publikation nicht berücksichtigt sind – finden sich bereits christliche Vorstellungen, die zweifellos den Zweck hatten, die Zensur der neuen Herren zu passieren. 1899 brachte Antonio Penafiel eine Faksimile-Ausgabe heraus. Vorher hatte bereits Brasseur de Bourbourg Teile davon abgeschrieben, die Daniel G. Brinton als Grundlage für seine Übersetzung aztekischer Texte ins Englische dienten. Dieser Übersetzungsversuch mißlang. Andere Autoren wie Cecilio Robelo, Walter Lehmann und August Freiherr von Gail sowie in neuester Zeit Angel M. Garibay K. nahmen sich dieser wertvollen Aufzeichnungen an. Die gründlichste Arbeit, nämlich die einer wortwörtlichen Über­setzung, lieferte Leonhard Schultze, Jena (herausgegeben aus dem Nachlaß 1957 von der Iberio-Amerikanischen Bibliothek, Berlin, Schriftleitung Gerdt Kutscher, im Kohlhammer Verlag Stuttgart))

„Nur Blumen sinds,

die uns umgeben,

nur der Gesang ists,

der den Kummer nimmt.“ (Aus einem „anderen regelrechten Gesang der Mexikaner“ (Cantares Mexicanos))

So priesen die Dichter ihr Lied, das sie, „um die Fürsten zu ergötzen“, anstimmten.

„Wer bin ich,

der ich dauernd fliege?

Bald da, bald dort

laß ich mich nieder,

ich, Sänger der Blumen,

ich, Schmetterling der Lieder.“ (Strophe aus einem „Blumengesang“ (Cantares Mexicanos))

Der in diesen Zeilen anklingende Optimismus der Dichter trügt. In den meist sehr umfangreichen Gesängen spaltet sich der Dichter, und sein anderes Ich widerspricht ihm (Gesang und Gedicht ist im Aztekischen gleichbedeutend. Der Name des Dichters „cuicani“ bedeutet: der, der singt). Trauer und Schwermut machen die Freude am Leben zunichte und gewinnen die Oberhand. Der Dialog der eigenen Zwiesprache wird immer wieder auf die Vergeblichkeit des menschlichen Daseins gerichtet; und so siedelt die sich an Blumen, Vögeln und Schmetterlingen berauschende Dichtung stets in der Nähe des Todes. Das Leben wurde als etwas Vorüber­gehendes, nur Geliehenes empfunden.

„Wir werden dahinschwinden, doch seid frohen Herzens.

Ich,

Nezahualcoyotl, fragte: leben wir denn auf Erden nicht in Wirklichkeit, und nur auf diese Weise?“

Und die Antwort des gleichen Dichters lautet:

„Überall hier auf Erden ist Jammer.

Grünedelgestein gibt es, aber es zerbricht, auch Gold zerreißt, und Quetzalfedern knicken.

Überall hier auf Erden ist Jammer.“ (Aus einer Trilogie (A „Blumengesang“, B „Nachtgesang“, C „Trauergesang“), die Nezahualcoyotl zuge­schrieben wird. Aufgezeichnet in den „Cantares Mexicanos“)

Auch andere Dichter als der „fastende Coyote“ machten sich ähnliche Gedanken über den Sinn des Lebens

„Wir können nur schlafen,

nur träumen,

nicht wahr ist’s, nein,

es ist nicht Wahrheit,

daß wir kamen

um ewig auf Erden zu leben.

Zum Gras des Frühlings bestimmt

sind unsere Herzen,

sie werden wieder grünen,

werden ihre Blumenblätter auftun;

denn wir sind einem Rosenstock gleich,

der Blüten treibt

und dann verwelkt.“ (Zitiert bei Alfonso Caso: „El pueblo del Sol“, Mexiko D.F. 1954)


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