Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Das Wesen der aztekischen Poesie

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Das Vokabular ist begrenzt, keineswegs reichlich, und dennoch findet der Dichter mit seinen Worten Gedanken und formuliert Gefühle, die zum Innersten der menschlichen Emotion gehören. Neben dem Schmerz über das Dasein und den Tod spiegelt sich die Dankbarkeit den Göttern gegenüber und die Liebe zu seinen Herrschern wider. Persönliche Liebe oder ein anderes individuelles Ereignis eines Dichters wird man vergeblich in dieser Poesie suchen, denn auch sie ist sakrale Kunst und steht wie die bildende Kunst, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, im Dienste der Religion und ihrer Vertreter auf Erden. Diese Lyrik propagiert, wenn man sich bei diesen alten Liedern eines solchen modernen Ausdrucks bedienen will, das Unausweichliche gegenüber den Mächten. Sie redet mit vielen Zungen, und ihre oft abstrakten Bilder wie auch die sich anscheinend wider­sprechenden Gedankengänge geben ihr einen eigenartigen Reiz.

Bei dem Nichteingeweihten aber steht die Anhäufung von unbekannten Symbolen oft einem klaren Verständnis im Wege, denn fast alles ist um­schrieben, ist doppelbödig, wird durch Bilder ausgedrückt, die sich an die Sinne der Zuhörenden richten und mit Farben und Begriffen Gefühle hervorzaubern. Es ist eine Dichtung, die der durchdringende Duft der Blumen genauso erfüllt wie der Geruch des Todes. Den saftigen Blumen am Wasserrand – Symbole für die gefallenen Krieger im Reich des Regengottes – ist der trockene Staub des Schlachtfeldes entgegen gesetzt. Warnung und Trost, Freude und Trauer, These und Antithese, stehen sich in diesen Gesängen ab­wechselnd gegenüber.

Der Krieg in der Dichtung

Bei einem Volk von Kriegern überrascht es nicht, daß der Krieg, der permanente Krieg der Azteken um die Vorherrschaft im Hochtal, in der Dichtung einen so großen Platz einnimmt. In aufrüttelnden Rhythmen wird davon berichtet. Die Gedanken der Sänger bilden sich wie Skulpturen. Nichts ist zu sehr geschliffen oder gar verschönt. Der Dichter nimmt und beschreibt den Krieg als unausweichliche Tatsache. Der Ruhm der Krieger ist bei diesem Volk noch nicht losgelöst vom Sein. Er erscheint weder als Begriff noch als Ziel für den Einzelnen, wie in den Kulturen der „Alten Welt“, sondern ist an Rang und Würde des Standes geknüpft. Die Häuptlinge und die Priester sind das Verbindungsglied zwischen den göttlichen Mächten und dem Volk. Ihr Ruhm ist nicht individuell zu werten, er kennzeichnet die ihnen vorgeschriebene und unabänderliche Position, von der es kein Entweichen gibt.

In der aztekischen Dichtung gleicht der Krieg einem angebrannten Gericht, dessen markante Gerüche noch die Lust zum Kosten erwecken. DerTod auf dem Schlachtfeld wird nicht als unbedingt erstrebenswert geschildert, sondern nur als das bessere Übel mit einem Schimmer von Hoffnung.

„Kriegsrausch verbreitet sich.

Die Adler- und Jaguar-Krieger; die einen erblühen, die anderen, sie welken dahin.

Wie viele sind zugrunde gegangen?

Wie viele aber werden bei Dir, in Deiner Nähe, oh Gott, weiterleben.“

Und einige Zeilen später berichtet der Sänger von der Vorbereitung der Krieger: „Oh setzt denn

eure blumengeschmückte Fellpauke, eure blumengeschmückte Tanzrassel in Bewegung.

Ihr seid hierher gekommen, der ,Ort der Blumen’ ist bereit, und schön

stimmt den Gesang an.“

Wenige Zeilen danach beurteilt der Sänger den Krieg:

„Es lodert und flackert über Felder der Brand des Krieges.

Ehre und Ruhm (eines Volkes)

löscht er aus

über die Nacht,

erstickt sie in seinem Staube.

Doch niemals werden die Blumen des Krieges welken, die ziehen am Rande des Wassers sich hin.

Die glänzende Blüte der Jaguar-Krieger, der Schildgewappneten, über Nacht

werden sie in Staub gestreckt.

Jaguaren gleichende Helden liegen hingestreckt, gleichen Regentropfen, verstreut auf dem Felde.“ (55)


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