Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Der „Weg der Toten“

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Den 2 km langen „Camino de los Muertos“ verstellt im Norden die 42 Meter hohe „Mondpyramide“ (Abb. 81), während der Weg im Süden ins Nichts verläuft. Vielleicht sollte die Stadt für die Pilger nach dieser Seite hin offen gehalten werden? „Die europäische Bauweise hätte keineswegs so gedacht und hätte der Mondpyramide ein Pendant errichtet“ (Paul Westheim). Zu beiden Seiten des Totenweges säumten kleinere Tempel und Gebäude, denen Terrassen vorgelagert waren, die Straße. Ein kleiner, seiner Wandmalereien wegen berühmter Tempel, war der Agrarwirtschaft, d. h. ihren fördernden Kräften, geweiht. Leider ließ man ihn nach seiner Ausgrabung zu Beginn unseres Jahrhunderts ungeschützt der Natur ausgesetzt, so daß nur noch die um die Jahrhundertwende angefertigten Kopien einen Eindruck von der Wandmalerei vermitteln. Südlich, im rechten Winkel zum „Totenweg“, befindet sich ein Komplex, „Zitadelle“ genannt, jedoch irrtümlich, denn es handelt sich um keine Befestigungsanlage, sondern um eine Reihe von Plattformen, die in einem um­mauerten Geviert stehen.

Der „Quetzalcoatl-Tempel“

Den östlichen Abschluß des Komplexes, mit seiner Hauptfront ebenfalls der unter­gehenden Sonne zugewandt, bildet das ausgereifteste Bauwerk von Teotihuacan: der Quetzalcoatl-Tempel. (Wie die Benennung der Sonnen- und Mondpyramide, so stammt auch diese Bezeichnung aus einer späteren Zeit.) Aus unbekannten Gründen ist die westliche Front später überbaut worden. Die prächtige Fassade war dadurch vor der Zerstörung weitgehend geschützt. Der Tempel trägt nach der „gefiederten Schlange“ (Quetzal- coatl) seinen Namen, deren Abbild plastisch weit aus der Fassade herausragt. Quetzalcoatl, dieser für die mexikanischen Kulturen so verhängnisvollen Gottheit, werden wir noch öfter begegnen (Abb. 82). In der nachklassischen Zeit ist er der Gott des Wissens, der aber auch in der Maske des Windgottes (Ehecatl) dem Menschen hilfebringend zur Seite steht. Manche Quellen nennen ihn sogar als den Schöpfer des letzten Menschengeschlechts. Historische Persönlichkeiten der Tolteken bedienten sich seines Namens, um ihre gött­liche Abstammung zu demonstrieren.

In Teotihuacan ist die „gefiederte Schlange“ alternierend mit den Masken des Regengottes gezeigt. Der Schlan­genleib windet sich waagerecht im Relief durch die einzelnen Absätze der Pyramide. Muscheln und Schnecken beider Weltmeere, die Mexikos Küsten berühren, füllen die leeren Stellen zwischen den Krümmungen. Fast scheint es, als haben die Baumeister aus Scheu vor leeren Flächen sich einer barock anmutenden Fülle bedient. Für Teotihuacan ist das einzigartig, denn seine monumentale, nüchterne und streng gegliederte Architektur liebte es, vorwiegend mit großzügigen Flächen zu operieren.

Der Darstellung an der Quetzalcoatl-Pyramide liegt zweifellos eine tiefe Symbolik zugrunde. Die Auffassungen über die Interpretierung stimmen nicht immer überein. Der deutsche Mexikanist Walter Krickeberg sieht in den stark stilisierten Masken nicht den Regengott, sondern die Abbilder von Schmetterlingen, die verstorbene Krieger symbolisieren und den Nachthimmel, der durch den Leib der Federschlange ausgedrückt ist, umsäumen. Er geht hier von der aztekischen Vorstellung aus, die er tief in die Zeit hinein zurückzuverfolgen glaubt. Die Methode ist im Prinzip richtig, hat doch die Kultur von Teotihuacan verschiedene Götter geformt und manche sogar zur Welt gebracht, die Cortds bei seinem Einzug in die aztekische Hauptstadt noch vorfinden konnte. Doch vergessen wir nicht, daß die altamerikanische Religion einem üppigen Baum glich, der von Jahrhundert zu Jahrhundert anwuchs und während der Blüte von Teotihuacan noch nicht die Fülle des aztekischen Pantheons aufzeigen konnte. In Teotihuacan scheint das einfachere, der Regengott Tlaloc, auch das einleuchtendere, wardoch die Religion dieser Kultur die einer friedlichen Agrargesellschaft. Erst in späterer Zeit widerfuhr den Krie­gern eine so hohe und überschätzte Verehrung. Die klassische Stadt kannte noch keine Fortifikationsbauten, und die Ausgrabungen brachten nur eine sehr geringe Anzahl von Waffen an die Oberfläche.


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