Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Die „Barbaren“

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Als die Azteken auf der Bühne der Mesa-Central erschienen, waren sie kaum mehr als Statisten, denen ein Durchwandern von den Mächtigeren gestattet oder verwehrt wurde. Auf einer Insel inmitten des heute ausgetrockneten Sees von Texcoco ließen sie sich nieder, erschöpft von der langen Wanderung, ermüdet von den Kämpfen mit anderen Stämmen. Das kleine und unfruchtbare Eiland war alles, was ihre Vor­gänger den bescheidenen Spätankömmlingen übriggelassen hatten. Der Sage nach sollten die Azteken an jenem Platz siedeln, wo sie auf einem Kaktus einen Raubvogel mit einer Schlange im Schnabel erblicken würden. Ob sich ihnen dieses Bild 1325 (oder 1370, was nach neueren Forschungsergebnissen wahrschein­licher ist) in der sumpfigen Gegend, die zum „Venedig der neuen Welt“ werden sollte, wirklich bot, entzieht sich unserer Kenntnis. Das alte Ideogramm jedenfalls ist zum Wappen der modernen Republik Mexiko geworden. Und die heutige Hauptstadt erhebt sich auf den Trümmern der ehemaligen aztekischen Metropole Tenochtitlan.

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Die Wandersage der Azteken

Rollen wir den meterlangen Streifen der „Tira de la Peregrination Mexico“ auf, und verfolgen wir in dieser Bilderschrift die Wandersage dieses leidgeprüften Volkes (Tira de la Perigrinaciön Mexico, Mexiko 1944.). Auf einer kleinen Insel, umgeben von sechs Palästen, ist ein Tempel eingezeichnet: Aztlan, der mythische Ursprungsort, das „Land der weißen Farbe“. Im Jahr „1 Feuerstein“ (1168?) wird es von den Bewohnern verlassen. Zwei Menschen, sie mit der Namens­hieroglyphe Matlalin (Fischernetz) und er namens Acatl (Wasserrohr), verkörpern das Herrscherpaar. Leider verschweigt uns die naiv anmutende Bilderschrift den Grund für den Aufbruch. Im weiteren Verlauf wird von einem jahrhundertelangen Umherirren berichtet. Bereits die erste Station nach dem Verlassen der Insel ist Cholhuacän, das Asyl einer aus Tula vertriebenen Gruppe. Hier finden die Azteken in einer Höhle das steinerne Abbild von Huitzilopochtli, des Kolibris zur Linken“.

Sie erkoren ihn zu ihrem Stammesgott. (In einer realistischen Ausdeutung der alten Urkunde besagt dieses Bild nichts anderes, als die Berührung des eingewanderten Nomadenstammes mit den alteingesessenen Bewohnern, die bereits auf einer höheren Kulturstufe standen. Auch in ihrer späteren Geschichte gingen die Azteken noch einmal nach Cholhuacän, um dort einen legitimen „toltekischen Fürsten“ zu bitten, ihr König zu werden. Angeblich erhielten sie Acamapichtli, der mütterlicherseits vom toltekischen Herrscherhaus ab­stammte).

Von Cholhuacan, dem „Platz der Großeltern“, wird das Götterbild Huizilopochtli’s mitgeführt. Mit den Azteken zogen noch andere Stämme. In der Bilderschrift zeigen die aus phonetischen Wörtern zusammengesetzten Glyphen ihre Namen an. Namen, die zum größten Teil in der späteren Geschichte noch in den Vordergrund treten; Namen, denen man heute noch in kleinen Dörfern begegnet.

Es sind die Matlazinca, „die mit den Hüften wie ein Fischernetz“,

die Tepaneca, „die auf dem Stein (leben)“, die späteren Bewohner des Lavafeldes von Pedregal,

die Tlahuica, „die Pfeil und Bogen (machen)“ und sich in den tieferen Lagen von Morelos ansiedelten,

die Malinalca, „die sich winden“, mit ihrem Sitz in Malinalco,

die Acolhua, „die am Wasser leben“ und die Bürger von Texcoco waren,

die Xochimilca, „die Blumen züchten“ und in Xochimilco lebten,

die Chalca, „die Edelsteinhändler“, die die Stadt Chalca bewohnten,

sowie die Huexozinca „die mit den angezogenen Beinen“,

die sich am Südende des Sees von Texcoco niederließen. Alle diese Stämme, die eigene kleine Stadtstaaten bildeten, sind später auf friedliche oder kriegerische Weise unter aztekische Oberhoheilgekommen.

Für die nächste einschneidende Begebenheit, in der „Tira“ aufgezeichnet, gibt der spanische Chronist Tor- quemada in seinen „Los veynte y un Libros Rituales y Monarchia Yndiana“ erklärende Worte. „Vom Teufel angestachelt, rasteten die Wanderer unter einem großen Baum und erbauten Huitzilopochtli zu Ehren einen Tempel. Eines Tages, gerade zur Mittagszeit, brach mit einem fürchterlichen Getöse der Baum entzwei. Die Azteken führten das auf den Zorn ihres Stammesgottes zurück und beriefen mit den anderen sechs Häuptlingen eine Konferenz ein. Huitzilopochtli befahl den Stämmen, sich zu teilen und verschiedene Wege einzuschlagen. Nur die einen sollten den Namen „Mexico“ oder „Azteca“ tragen. Der Platz, an dem das geschah, nennt sich Cuautlipoztequiayän, „der Ort, an dem der Baum brach“ (Tira de la Perigrinaciön Mexico, Mexiko 1944.). In der Bilderschrift verkündet der hohe Priester des „auserwählten“ Volkes den anderen Stämmen die Trennung. Mit Tränen in den Augen nehmen die übrigen Stammesfürsten den Beschluß des Gottes zur Kenntnis. Im nächsten Bild verlaufen die Fußspuren der Verab­schiedeten im Leeren.

Menschenopfer begünstigen das Jagdglück

Die Azteken kamen noch lange nicht zur Ruhe. Beladen mit dem kultischen Idol ihres Stammesgottes, setzten sie ihre Wanderung fort. Der Häuptling „schwarze Schlange“ trägt Huitzilopochtli auf seinen Schultern und nimmt von dem Gott die Befehle entgegen. Zuerst fordert dieser die Opferung von drei Menschen. Der Ober­priester Acatl, den wir bereits von Aztlan her kennen, führt sie aus. Das Opfer begünstigte das Jagdglück, wie es in der Bilderschrift oberhalb der Geopferten angedeutet wird. Im weiteren Verlauf werden Chocoyän und Coatiicamac passiert. Danach erfahren wir von einem längeren Aufenthalt in einer unzivilisierten Gegend. (Der zeitliche Ablauf ist durch Kalenderhieroglyphen aufgezeichnet; angefangen von „ome calli“ [2 Haus] bis zur nächsten Feuerbohrung im Jahr „ome calli“ [2 Haus] – also genau 52 Jahre später. Im darauffolgenden Jahr „yei tecpatl“ [3 Feuersteinmesser] erfolgte ein erneuter Aufbruch.


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