Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Die flachen Masken aus Stein

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Der formale, von der Herzform ausgehende Aufbau findet sich nicht nur bei den unzähligen Terrakotten, die aus dieser Kultur nicht wegzudenken sind, da die Teotihuakaner ihre Äcker damit geradezu durchsetzt haben, sondern auch bei flachen Masken aus Stein. Schlicht, meist lebensgroß und immer ganzflächig gearbeitet, faszi­niert ihre Porträtähnlichkeit. „Mit welcher Meisterschaft haben diese Menschen in den Gesichtsmasken trotz Vereinfachung und Stilisierung den Wesenszug der indianischen Rasse, den keine Kamera einfangen kann, wiedergegeben“, schrieb Siegwald Linne über diese Skulpturen, deren praktische Anwendung bis heute noch unbekannt ist. Höchstwahrscheinlich dienten sie dem Totenkult für hochgestellte Persönlichkeiten. Vielleicht gibt ein Blick nach Peru einen Anhalt: Dort sind in den Künstengebieten die Toten zu Mumienbündeln verpackt und mit einem Scheinkopf versehen bestattet worden.

Die Tatsache, daß es Archäologen noch nicht gelungen ist, solche Masken in situ auszugraben, steht einer schlüssigen Beweiskraft im Wege. (Die vielen Masken in den Museen und Privatsammlungen kamen von Grabräubern auf den Markt, die sich begreiflicherweise hüten, ihre Fundplätze zu,verraten. Der Begräbnisplatz der hohen Priester und Könige, von dem Sahagün sprach, lag aller Wahrscheinlichkeit nach außerhalb von Teotihuacan. Im Ruinenfeld selbst sind nur wenige, unbedeu­tende Gräber und Bauopfer bis heute gefunden worden.) Die Schlichtheit und Ausdrucksstärke – wie die Sensibilität der Hersteller – und ihre Materialgerechtigkeit, nicht aber die physiognomische Ähnlichkeit dieser Steinmasken erinnern an „olmekische“ Pektorale, die hohen Würdenträgern als Brustschmuck dienten. Mit Obsidian- und Knochenwerkzeugen hergestellt, von geduldigen Händen geglättet und poliert, sind sie ein den Pyramiden ebenbürtiges Zeugnis für die tiefe Gläubigkeit der damaligen Menschen (Abb. 90-93).

Das Göttliche und das Menschliche in der Kunst

Der esoterischen Ausdrucksweise der Masken und Tonfigürchen steht eine fast abstrakt wirkende gegenüber. Sie findet vorwiegend im Dekor der Keramik und in den Fresken Anwendung. Hier bildet das zentrale Thema der Regengott Tlaloc, der auf eine abstrakt-geometrische Formel gebracht ist. Der Künstler versucht, durch einen Verfremdungseffekt das Unsichtbare, das Göttliche, vom Sichtbaren, vom Menschlichen, zu trennen. In der Kultur von Teotihuacan gibt es zwei besonders auffallende Beispiele – und diese erinnern nicht von ungefähr an die Kultur von Tiahuanaco in Alt-Peru -, die den Versuch unternehmen, die statischen Gesetze der Archi­tektur auf monumentale Skulpturen zu übertragen. Am Fuße der Mondpyramide fand sich das 3,80 Meter hohe Standbild der Wassergöttin Chalchiuhtlicue, die ein disziplinierter Geist in geometrische Formen übersetzt hatte. Das Bildwerk ist selbst zu einem Stück sakraler Architektur geworden, nach ähnlichen Gesetzen gearbei­tet wie die Bauwerke, die es einst umgaben. Bewußt ist die Form von der einer harmonisch-realistischen Plastik entfernt. In einen geschlossenen, nach sechs Seiten abgeplatteten Steinblock schnitt der Bildhauer die Silhouette der Göttin. Gleich den Absätzen einer Pyramide ist an dieser Statue alles horizontal ausgerichtet. Nur die Vor­derseite tritt etwas plastisch hervor. Aber selbst da vermeidet der Künstler, zur Rundplastik vorzustoßen, nicht aus Unvermögen, sondern dem Gesetz seiner Vorstellungswelt gehorchend. Er widersteht der Versuchung, die Weichheit der menschlichen Formen in das göttliche Antlitz einfließen zu lassen. Dabei wirkt die Wasser­göttin, und das ist verwunderlich, trotz dieser Verfremdung keineswegs beängstigend wie etwa die Monu­mentalplastiken von San Augustin in Kolumbien und die von Tiahuanaco in Bolivien. Die Hüterin des Wassers, zweifellos eine sympathische Gottheit, ist einfach durch architektonische Mittel vom wirklichen Dasein in ein überwirkliches versetzt worden. Durch diese Form gewinnt das Standbild auch seine ungeheuere Monumen­talität und kann sich mit den um vielfach größeren Götterstatuen der alten Ägypter messen (Die „Wassergöttin“ steht heute im National-Museum von Mexiko. Beim Transport ergab sich die Möglich­keit, die Skulptur zu wiegen. Ihr Gewicht beträgt 22380 kg.).

Eine noch größere Skulptur (7 Meter hoch) ist nach den gleichen architektonischen Prinzipien geplant, doch nicht mehr vollendet worden. Sie befand sich in einem Steinbruch in der Nähe von Textcoco. Bei ihrer Frei­legung fanden Wissenschaftler Opferschalen, die dem 20. Jahrhundert angehören. Wie tief muß doch der Respekt und die Götterfurcht vor diesen gewaltigen Bildern im indianischen Denken verwurzelt sein, daß selbst 450 Jahre christlicher religiöser Beeinflussung nur wenig daran zu ändern vermochten. Die Schlangenköpfe und mehr noch die Regengott-Masken am Quetzalcoatl-Tempel sind ebenfalls nach diesen Gesetzen gearbeitet. Hier zeigt sich, wie Skulptur und Bauwerk harmonisch Zusammenwirken.


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