Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Die Kulturen der Nordwestküste

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Kurz vor der Eroberung verloren die Huaxteken ihre Unabhängigkeit. Die am weitesten nach Norden vorge­schobene Provinz der mexikanischen Kultur wurde von den Azteken tributpflichtig gemacht. Ein Land, das dreimal im Jahr Mais ernten konnte, den begehrten Reichtum der Tropen besaß und dessen Bewohner prächtige Gewebe herstellten, war zu verlockend, obwohl die Huaxteken in ihrer Nacktheit mit den spitz zugefeilten und schwarz gefärbten Zähnen und ihrer rauhen Sitten wegen als Krieger gefürchtet waren. Cortes, der 1521 eine Siedlung am Pänuco eroberte, fand an einem der Tempel noch die abgehäuteten Trophäen seines Soldaten Alonso Alvärez Pinedas hängen, der zwei Jahre vorher in die Hände der Huaxteken gefallen war (Über die Huaxteca siehe Arbeiten von Gordon Ekholm.).

Die einzigen Bewohner, die am Auf- und Niedergang der theokratischen Klassik nicht teilnahmen und im archaisehen und götterarmen Zustand verharrten, sind die alten Siedler der Nordwestküste. Die heutigen Staaten Colima, Jalisco, Navarit und Michoacän werden zum großen Teil jetzt von den Tarasken bewohnt. Von ihnen kennen wir eine Anzahl Herrscher, die den Azteken erbitterten Widerstand leisteten und deren letzter König sogar von einem Gesandten des hochmütigen Aztekenherrschers Moctezuma ersucht wurde, seinem Volk gegen die weißen Eindringlinge Beistand zu gewähren. Zum Vorteil der Spanier beendete der aztekische Gesandte seine Mission auf einem taraskischen Opferstein. Eine Union dieser beiden kriegsgewandten Stämme hätte zweifellos den Spaniern mehr zu schaffen gemacht und sie möglicherweise aus Mexiko wieder vertrieben. Lange Zeit hielt man die Tarasken auch für die Schöpfer jener anekdotenhaften Keramik, die das Gebiet der Nordwestküste für Schatzgräber so begehrt macht. Eine ähnliche Wandersage, wie die der Azteken aber bestätigt eine späte Einwanderung der Tarasken. So bleiben für die originelle Keramik wiederum nur Namen von Staaten und Fundorten, um sie zu klassifizieren.

Die „menschliche Komödie“ in Ton

Während die „irdene Bibliothek“ der theokratischen Kulturen, gleichsam mit Goldschnitt und in Leder gebunden, nur Götter kennt, umfaßt die der Nordwestküste eine ganze „menschliche Komödie“. Mit unglaublicher Liebe zum Kleinen berichtet sie von Schwangerschaft und Niederkunft (Abb. 46), von Kindern an der Mutterbrust bis zu größeren, die sich am Spiel ergötzen. Nirgendwo anders in beiden Teilen Amerikas ist das Thema Mutter und Kind so häufig und so liebenswert behandelt worden. Die herbe Unbeweglichkeit der theokratischen Kunst konnte hier nicht Fuß fassen, und der Boden war nicht fruchtbar genug, um die strengen religiösen Ideen der Nachbarn reifen zu lassen. So führt uns diese religiös unbelastete Kunst einen Reigen des Alltags vor: oft komisch, manchmal bis zur Karikatur ausartend oder profan ins Derbe abgleitend. Sie erzählt vom dahin­siechenden Kranken und stolzen Kriegern, sie zeigt träumende Männer und tätowierte Frauen (Abb. 41-79).

Der Hund als Begleiter der Toten

Den Tieren, und damit gleichzeitig den unbekannten Künstlern selbst, haben diese Plastiken ein unauf­dringliches Denkmal gesetzt, denn gerade die Bildnisse von Vögeln und Schlangen, Fischen und Krebsen, Muscheln und Schnecken zeigen die tiefe Naturbeobachtung und das bildnerische Talent. Ein Lieblingsthema, und eines der wenigen mit etwas religiösem Hintergrund, war der Hund, der bei vielen alten Völkern als Be­gleiter der Toten galt. Sahagün berichtete davon: „Ein Hündchen hatte er als Begleiter, ein gelbes, das einen Faden lockerer Baumwolle als Halsband trägt. Man sagt, daß er (den Toten) über den neunfachen Strom nach Mictlan setzt … Dort ist ein breites Wasser, Hunde sind die Fährleute, und wenn einer seinen Herrn erkannt hat, so stürzt er sich ins Wasser, um ihn überzusetzen. Deswegen züchten die Eingeborenen so viele Hunde, denn man sagt, der weiße und der schwarze Hund können nicht nach dem Totenlande übersetzen. Man sagt, der weiße spricht: .Ich habe mich soeben gewaschen*, und der schwarze sagt: ,lch habe mich eben schwarz geschminkt*. Nur der gelbe, er allein, kann über den Fluß setzen.“ Die Farben der Hunde sind hier in Beziehung mit verschiedenen göttlichen Funktionen gebracht. In der aztekischen Religion war Gelb die Farbe des Toten­gottes.

Dem ältesten Freund des Menschen, dem grauen, unserem Dackel ähnlichen Hund, hat gerade die Colima- Keramik ein bezauberndes Denkmal gesetzt. Diese haarlose und stumme Hunderasse, die auch im alten China bekannt war, ist heute fast ausgestorben. „Techichi“ (tetl ist Stein, chichi bedeutet in nahuatl Hund) oder „tepexuitl“ nannten ihn die Mexikaner. Die Künstler der Nordwestküste gaben sein Abbild in allen Lebenslagen und Stellungen ihren Toten mit in die Unterwelt. In einem bekannten Fall trägt einer dieser Hunde sogar eine menschliche Gesichtsmaske, häufiger jedoch findet man sie wohlbeleibt mit einem Maiskolben in der Schnauze abgebildet. Die Indianer schätzten sie aber nicht nur als Begleiter der Toten, sondern mästeten sie auch. „Kurz, rund und köstlich zu essen“ beschreibt der Franziskanerpater Sahagün das wichtigste Haustier Mexikos (Abb. 74-77).

Man muß bis in die Kultur von Moche an der Nordküste von Peru ausholen, um eine solche lebendig empfun­dene und lebensnahe Keramik wieder anzutreffen. Gruppenszenen aus Colima haben nur dort, Tausende von Kilometern weiter südlich, ein Pendant (Abb. 60). Nichts war hier im Nordwesten zu gering, um als bewegtes und belebtes Abbild dem Toten mitgegeben zu werden. Oft zeugen weniger von künstlerischer als von naiver Kraft die Szenen von Ballspielern und jubelnden Zuschauern, von überfüllten Häusern mit geladenen und betrunkenen Gästen. In einem bewegten Impressionismus festgehalten, haben die Nachbildungen in den Grä­bern die wirklichen Häuser überlebt.

Kunst ohne Götter

Genauso wenig wie diese Kunst Götter kennt, höchstens Dämonen, genauso wenig findet sich in diesem Gebiet eine sakrale Architektur, die mit der Keramik gleichlaufend wäre. (Die „yäcata“, taraskische Bezeichnung für kultische Bauwerke aus Erde und unbehauenen Steinen, meist mit rechteckigem, runden oder T-förmigem Grundriß, gehören erst derZeit der kleinen taraskischen Königreiche an, die ihre letzte Residenz in Tzintzuntzan, dem „Ort der Kolibris“, hatte.) Die einzigen religiösen Bauwerke im weiteren Sinne, vor dem Auftreten der Tarasken, bilden die geräumigen Grabanlagen. Bis zu 16 Meter tief unter der Erde liegen die kuppelförmigen Grabkammern, die nur durch einen schmalen Schacht zugänglich und von denen meist zwei oder mehrere durch einen kleinen Gang verbunden sind. Neben den Überresten der Toten fand man die ungestüme und weltliche Plastik, die im Gegensatz zu den meisten anderen mexikanischen Kulturen hier „lebend“, also nicht zerbrochen, als Begleitung ins Jenseits mitgegeben wurde.


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