Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Die Kunst als Schlüssel für die Gesellschaft

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Wie jede Kunst, so lebt auch die toltekische im sozialen Raum. Das Bildwerk ist dreierlei: szenische Wirklich­keit durch das lebendige Vorbild, „Literatur“ durch die imaginäre Vorstellungswelt des Gestalters und gesell­schaftliche Wirklichkeit durch das zeitgemäße Gedankengut, das mit einfließt. In Mexiko hat sich die Emanzi­pation aus der magischen Sphäre der frühen Jäger, Sammler und Ackerbauern, dann aus der kultischen der theokratischen Priester-Fürsten unter den Tolteken grundlegend geändert. Allerdings ist der Übergang aus dem kultischen in den politischen Bereich nicht endgültig und vollständig; und die Tolteken sollten noch nicht die stärksten Vertreter dieser „Neuen Zeit“ werden.

Volkskunst, religiöse Kunst und Kunst im Dienste des Staates laufen gleichzeitig. Während in den vorhergegangenen Kulturen Priester und weltliche Machthaber- also Religion und Staat – in einer Person verankert waren und das Hauptgewicht der gesamten Kunst, die der geübten wie die der ungeübten Hände, auf die Götter sowie die Toten als Mittler zwischen ihnen und den Lebenden ausgerichtet war, verlagert sich das Gewicht in der toltekischen Kultur nach der weltlichen Seite. Der prozentuale Anteil der jeweiligen Kunstrichtungen (Volkskunst, religiöse Kunst, staatliche Kunst) liefert ein aufschlußreiches Moment dafür. In der Kunst der Tolteken trat neben die Fundierung auf das Rituale auch eine Fundierung auf die Politik der Machthaber. Die Götter sind keineswegs entthront, jedoch in den Dienst einer weltlicheren Politik gestellt. Kriegerische Gottheiten, verkörpert durch die Gestirne, laufen den Vegetations­göttern der vorhergegangenen Zeit den Rang ab. Religion steht von nun an im Dienste einer Kriegerkaste, im Dienste der Verherrlichung des Krieges. „Damals begann die Zeit des Menschenopfers.“ Einer der merk­würdigsten Widersprüche gerade in dieser Hinsicht findet sich in den alten Berichten. Quetzalcoatl, eben jener Gott, dem in Tula nur Schmetterlinge, Blumen, Vögel und kleine Tiere geopfert worden sind, der sich gegen den blutdürstigen Tetzcatlipoca auflehnte, brachte den alten Maya-Quellen zufolge das Menschenopfer in Yucatdn zu größerer Bedeutung. Unter den Erben der Tolteken, besonders den Azteken, sollte das kriegerische Moment wie auch die rauhe Sitte des Menschenopfers noch erheblich an Bedeutung gewinnen.

Reliefs und Säulen als Hauptelemenfe der Architektur

Doch zurück zur toltekischen Kunst, die als Mittler dieser schriftlosen Kultur eine sehr deutliche Sprache spricht. Die Steinplastik ist statisch, selbst die hochaufgerichteten Schlangen, die einst die Türpforten der Tempel von Chichen Itza bildeten, haben nichts mehr von der Beweglichkeit ihrer natürlichen Vorbilder (Textabb. 5). Nir­gends findet sich in dieser monumentalen Kunst eine impressionistische Auffassung, die die La-Venta-Groß- plastik so beweglich erscheinen läßt. Fast alles ist bei den Tolteken erstarrt, gleichsam in Stein gegossen, uniformiert und soldatisch in Reih und Glied gestellt. Die Reliefs von Sitzbänken in Tula sowie die reliefierte Verkleidung mancher Wände bilden eine Ausnahme. Bei den ersteren schreiten Krieger, lebendige wie tote, einem unbekannten Ziel entgegen, während an den Wänden Jaguare und Pumas mit gesenkten Häuptern die Friese durchwandern. Raubvögel und Raubkatzen, die menschliche Herzen in ihren Krallen halten, befinden sich in ihrer Nachbarschaft. Es sind die Repräsentanten der Krieger, die mit den Herzen der geopferten Ge­fangenen diese Dämonen füttern. Zwischen ihnen sitzt zuweilen, krötenhaft geduckt, das Abbild des Kultur­heros Quetzalcoatl. Ein anderer Fries einer Mauer zeigt liegende Gestalten mit übergroßen Totenschädeln und gekreuzten Knochen. Im Unmenschlichen, im Animalischen, wie im Tod war die Kunst der Tolteken beweglich; im Menschlichen, in der Repräsentation ihrer Kriegerelite, blieb sie statisch. Damals wie heute hatte es den Anschein, als würden sich die Krieger etwas vergeben, wenn sie aus ihrer ,,hab-acht-Stellung“ herausträten und ihr menschliches Gesicht zeigten.

In der toltekischen Renaissance in Chichen Itza, im Land der Maya, wird dieser Geist noch deutlicher. Weit mehr Krieger in festlichen Gewändern sind in die Säulen eingeschnitten. Die Anwendung der Säulen, dieses dort bis dahin unbekannte architektonische Element, erlaubte es, hohe und weiträumige Hallen zu errichten, die der vorhergegangenen Kultur der Maya noch fremd war. Bei den Tolteken steht der Ruhe der skulptierten Dachträger die Unruhe der bewegten Reliefs an den Wänden gegenüber und erzeugt eine eigenartige Span­nung. Wie im alten Griechenland so leuchteten ehemals die Bauwerke und ihre schmückenden Details in kräf­tigsten Farben. Für die Pilger, die von weither in die Hauptstadt kamen, mußte das alte Tollan wie das jüngere toltekische Chichen Itza einen unvergeßlichen Eindruck geboten haben.

Die Keramik

Das weiche Material des Tons war für die Tolteken von sekundärer Bedeutung. Ihre Keramik, zweckgebunden oder in den Dienst des Totenkults gestellt, erreicht nicht mehr die Qualität der klassischen Zeit. Wenn sie die Abbilder der alten Götter wie etwa den Regengott Tlaloc zeigt, hält sie sich noch an die überlieferten Formen der Teotihuacan-Kultur. Die Gebrauchsware, Vasen, Schalen und Teller, ist gewöhnlich nur mit spärlichen linearen, nicht ganz die Fläche ausfüllenden Mustern verziert. Sie erweckt einen oberflächlichen Eindruck ohne tiefgehende symbolische Wirkung. In der Sprache der Archäologen wird diese fast in ganz Zentralmexiko verbreitete Keramik „Mazapän-Stil“ genannt. Als Neuerung erscheint ein langstieliges Räuchergefäß, das wahrscheinlich aus den Maya-Ländern importiert wurde. Ein anderer Typ zeigt in Relief geschnittene toltekische Persönlichkeiten. In ihrer Art erinnern diese „Tonzeichnungen“ an Malereien in den Bilderschriften der Maya. Nur stilistisch sind diese hochkünstlerischen Vasen, die sehr selten Vorkommen und keinen genauen Fundort nennen, mit den Tolteken zu identifizieren. Möglicherweise handelt es sich um ein Auftragsprodukt, ausgeführt von den Maya-Indianern der Halbinsel Yucatan, die diese Technik besonders beherrschten (Abb. 191,192). Eine mattglänzende Keramik – mit „plumbate“ (Bleiglanz) in der Sprache der Wissenschaft bezeichnet – stammt aus Chiapas oder dem Hochland von Guatemala. Ihre Verbreiter, nicht aber die Hersteller dieser modischen Ware, sind die Tolteken gewesen. Der bleierne Glanz, der fast an eine Glasur denken läßt, ist auf die Beschaffenheit einer lokal gegrenzten Tonerde sowie auf eine bestimmte Art des Brennens zurückzuführen. Neben der Metallverarbeitung, die nur für Gegenstände zum dekorativen Gebrauch bestimmt war, sind es auch irdene Tabakspfeifen gewesen, die mit den Tolteken eine weite Verbreitung fanden. Neben den Kriegern waren es vor allem die Kaufleute, die einerseits die soziale Umwälzung herbeiführten und dazu beitrugen, die priesterliche Vorherrschaft zu schmälern, und andererseits die Produkte der verschiedenen mexikanischen Kulturen verstreuten. Selbst nach dem Untergang der Metropole haben die Vertriebenen niemals ganz die Verbindung zur alten Heimat aufgegeben.

Die ausgegrabene Metropole, die bekannten historischen Persönlichkeiten aus dieser Zeit und viele andere Spuren reichen noch nicht aus, um alle Rätsel über dieses Volk „der Künstler und Baumeister“ – wie die Azteken es bezeichneten – über diese Militärs, als die sie sich selbst der Nachwelt präsentieren, zu lösen. Eine allerdings nicht unwesentliche Frage beantwortet die toltekische Kultur mit Sicherheit durch Toynbee’s warnenden Satz: „Militarismus ist Selbstmord.“ In Yucatan wie in den Hochebenen von Zentralmexiko und in den Tälern von Guatemala löste sich diese Kultur in ein Nichts auf. Was neben den Ruinen und steinernen Denkmälern blieb, war die ehrfürchtige wie falsche Erinnerung der Nachfolgenden an ein friedliches Zeitalter.


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