Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Heidnische Götter und katholische Heilige

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

War es Zufall oder liegt hier im menschlichen Unterbewußtsein ein gemeinsames Bild, ein Urbild verankert, denn nicht nur das Feuer assoziiert Tetzcatlipoca mit dem Satan, mehr noch sein „Pferdefuß“. Dieser läuft in ein volutenförmiges Gebilde aus, das sein Ideogramm, den „rauchenden Spiegel“ des Gottes, umschließt. Wären solche Darstellungen nicht aus vorspanischen Bilderschriften bekannt, wäre man geneigt, den spanischen Missionaren eine Umdeutung dieser heidnischen Götterfigur in die Rolle des Satans zu unterschieben. Wie sehr die Parallele bei der Bekehrung der Azteken von Nutzen war, kann man sich wohl vorstellen. Wie sehr aber auch die charakterlichen Übereinstimmungen mancher alter Götter mit den katholischen Heiligen einer endgültigen Christianisierung im Wege stehen, hat die Geschichte gezeigt. Derselbe Indio, der zur heiligen Jungfrau in der Kirche betet, ruft, kaum herausgetreten, einen der alten Götter an. In einem katholischen Gotteshaus entzündet er vor der Madonna eine Kerze, kurze Zeit später brennt er vor einem alten Götterbild Kopalharz ab.

Den Fetisch des blutdürstigen Tetzcatlipoca bildete ein Messer aus Feuerstein oder Obsidian. Tetzcatlipoca, Herr der Kälte und des Eises (Norden), der Gott der Sünde und zugleich Schutzherr der Prinzen und Sklaven, regierte gleichzeitig über die Krieger und war Patron der Junggesellen. Ome acatl („2 Rohr“) war sein Geburts­datum, sein Kalendername. Tepeyollotli, „das Herz der Berge“, der Jaguar mit seiner wilden Stimme, war seine Verkleidung oder, wie ihn der Codex Borbonicus zeigt, das Kostüm eines juwelenbesetzten Truthahns. Er ist umgeben von der Regenbogenschlange, dem Symbol für Sünde und Ungewißheit. Er trägt ein Gefäß mit dem kostbaren Pulque und ein anderes voll von Gold (Abb. 214).

Die ganze Vorstellungswelt der Indianer war stets mit der geographischen Umwelt verbunden, weniger mit der geschichtlichen Vergangenheit. Selbst die historischen Persönlichkeiten, denen es gelang, zum Rang eines Gottes aufzusteigen, wurden nach kurzer Zeit nur ein Spiegelbild der maßlosen Naturgewalten.

MitTollan und denTolteken beginnt fürdie Archäologie das aufregendste Kapitel der langen Geschichte Mexikos. Zum ersten Mal können niedergeschriebene oder mündlich überlieferte Mitteilungen durch Funde aus Mexikos Erde ergänzt werden. Umgekehrt bürgen Artefakte für die Richtigkeit mancher alten Überlieferung. Von jetzt an begleiten Worte, leider vieldeutige Worte, die Kunst, sowie die Geschichte. Vieles bleibt unklar, und manches Geheimnis wird sich erst im Laufe der Zeit noch lichten. Auch mancher Fehler, der sich heimlich eingeschlichen hat, wird revidiert werden müssen.

Der Eroberer: „Wolkenschlange“

Die Anfänge der toltekischen Kultur liegen im Halbdunkel. Sie beginnt mit dem großen, noch halb mythischen Eroberer Mixcoatl, „Wolkenschlange“, der etwa um 900 mit seinen kriegerischen Horden gleich Attila, dem Hunnenkönig, in das kultivierte Gebiet des Hochtals von Mexiko eindrang und aller Wahrscheinlichkeit nach den Resten der dekadenten Teotihuacan-Kultur den Todesstoß versetzte. Mit dem Verfall der theokratischen Kultur wurde der Raum frei für die im unfruchtbaren Norden umherstreifenden Nomadenstämme. Mit dem Sammelnamen Chichimeken, „die vom Hundegeschlecht“, bedachten sie die kultivierten Völker. Die Geschichte erscheint gerade im Hochtal wie eine ständige Wiederholung. Das Gebiet um den See von Texcoco war gegen den unfruchtbaren Norden eine Oase. Immer wieder lockte es die „Barbaren“, hier einzudringen und das unsichere Leben der Jäger gegen das sichere der Ackerbauern zu vertauschen. Wie die Ostgoten in der „Alten Welt“ von der dekadenten römischen Kultur noch profitierten, so zogen die Neuankömmlinge in Mexiko ebenfalls Nutzen aus den Kulturerrungenschaften der Alteingesessenen.


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