Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Mitla, die besterhaltenste Ruinenstätte Mexikos

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Es spricht für die architektonischen Fähigkeiten der Zapoteken, daß in Mitla, einer völlig anders gearteten Umgebung, nicht der geringste Versuch unternommen ist, die Anlage von Monte Alban zu kopieren (Abb. 122-125). In technischer Hinsicht überspringt die Architektur Mitlas sogar einige Stufen; so sind aus den Bruchstein-Säulen des Monte Alban monolithische Träger geworden. Der architektonische Gedanke der leeren Flächen ist hier ins Gegenteilige umgeschlagen. Während Innenräume in der Bauweise von Monte Alban nur eine sekundäre Bedeutung hatten, finden sich in den massiven Palästen Mitlas lang gestreckte Säle und kleine quadratische Innenhöfe.

Im Gegensatz zu dem für jedermann sichtbaren Forum des Monte Alban trägt die neuere Gründung eher den Charakter eines mittelalterlichen Konvents. Die gesamte Architektur ist ver­schlossen, ja sogar weltlich geworden. Während auf dem Berg noch Tausende zusammenströmen konnten, faßten die gepflasterten Höfe von Mitla höchstens Hunderte. Kein Bauwerk liegt hier frei im vibrierenden Licht, nichts ist übersichtlich angeordnet. Nur fensterlose, phantasievolle Fassaden, die täglich mit dem Gang der Sonne ihr Spiel von Licht und Schatten verändern, sind von außen erkennbar. Ihre zahlreichen geometrischen Muster aus fein gemeißelten Steinen suchen in Mexiko ihresgleichen. Nur an der nördlichen Küste von Peru, in Chan-Chan, begegnet man einer ähnlichen Vorliebe für geometrische Wände. Aus Lehm gestochen, entbehren diese aber Härte und Dauerhaftigkeit. Sie können sich nicht mit denen von Mitla messen. Die vertieften Bänder der Ornamente, die vertikal die Wände der Paläste von Mitla umziehen, und ihre waagerechten Flächen aus­füllen, haben die Lebendigkeit orientalischer Teppiche, zugleich aber lassen sie die Unzugänglichkeit einer verschlossenen, vielleicht ängstlichen Führerschicht ahnen.

Geometrische Fassaden und monolithische Säulen

Ich weiß nicht, wie viele geometrische Muster in diesen Wänden verewigt sind, aber fast scheint es, als hätten sich an diesen Fassaden Mitlas alle Möglichkeiten erschöpft. Muster, die die Kunstgeschichte aus Griechenland kennt, stehen neben Motiven peruanischer Gewebe, germanisches Dekor mischt sich mit ozeanischer Orna­mentik. An den Wänden der Paläste, außen wie in ihren Innenhöfen, sind die geometrischen Gedanken der ganzen Welt verankert. Ihr Zusammenspiel wächst sich gleichsam zu einer geometrischen Dramatik aus. Es sind keine himmelansteigenden Pyramiden, die diese tote Stadt lebendiger erscheinen lassen, es ist das immer wieder variierte Relief, das, vertieft und hervortretend, sich nach den strengen Gesetzen einer beherrschten Fläche ausbreitet (Abb. 122,124).

Die zweite Besonderheit, die in Mitla ins Auge fällt, sind die einfachen monolithischen Säulen. Tritt man ins Innere des Palastes, so trifft man sie, fast militärisch angeordnet, einen langgestreckten und schmucklosen Raum aufteilend. Das Dach ist heute nicht mehr vorhanden, und daher ist die Wirkung dieses fensterlosen Saals ins Gegenteilige verkehrt (Abb. 123). Das grelle Sonnenlicht umhüllt die steinernen Träger des Daches und wirft je nach der Tageszeit ihre Schatten auf den gepflasterten Boden. Einst, als die Säulen die Dunkelheit umgab, brannte nur ein kleines Feuer, das mit seinen matten Schatten eine geheimnisvolle Raumwirkung erzielte.

Mitla – abgeleitet von Mictlan, bedeutet gleichsam den Eingang ins Totenreich – war wirklich eine unterkellerte Anlage. Was die Spanier in den stickigen Gemächern fanden, darüber gab kein Chronist Auskunft. Archäologen unseres Jahrhunderts entdeckten nur leere Kammern.


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