Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Poesie als destruktives Element

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Vielleicht waren es nur die Dichter, die die Katastrophe der Eroberung vorausahnten. In den „cantos tristes“ kommt ein Fatalismus zum Ausdruck, ja er wird gerade von diesen Gesängen sehr unterstützt und gefördert, und mußte dieses Volk von Bauern und Kriegern zwangsläufig in die Hände ihrer Liquidatoren treiben, die nun freilich nicht gerade von dieser Henkersqualität zu sein brauchten. Die „traurigen Gesänge“ erklären deutlicher als alle anderen Aufzeichnungen das Zögern eines Moctezumas gegenüber einer Handvoll Spanier und machen mehr als die Aufzeichnungen der Konquistadoren den endgültigen Untergang dieser Kultur verständlich, eben aus dieser Mentalität heraus.

„Mit Blumen und Tränen der Trauer ordne ich,

der Dichter, meinen Gesang.

An die,

die gebrochen und zerschlagen im Reich der Toten liegen, denke ich.

Sie kamen,

Herren und Herrscher auf Erden zu sein.

Wie welke Quetzalfedern, wie zerbrochenes Edelgestein verblassen die Edlen nun …“ („Noch ein Gesang, den ein Herrscher in Erinnerung an Herrscher gesungen hat“ (auszugsweise wieder­gegeben), „Cantares Mexicanos“)

Es ist nicht überliefert, ob diese Lieder von den gleichen Dichtern stammen wie die aufpeitschenden und expres­siven Helden- und Götterhymnen; aber es ist kaum anzunehmen, denn selbst der „Blumentod“ hat in ihnen den Sinn verloren. Alles geht in Resignation über, wird Leid um des Leidens willen. In den „cantos tristes“, die in einer verhältnismäßig großen Anzahl überliefert sind, zeigt sich das Volk, das seiner blutigen Opfer wegen von vielen Europäern verabscheut und als barbarisch abgetan wird, von einer anderen Seite. Die Liebe zum Schönen, die Verbundenheit zur Natur, aber auch der unglückselige Fatalismus, der dieser begabten Rasse so oft im Wege stand, leben heute noch in den Volks- und Revolutionsliedern der modernen Republik weiter. Wie die Gold- und Federarbeiter, Bildhauer und Architekten so waren auch die Dichter in dieser Gesellschaft spezialisiert. Zu Moctezumas Zeiten bildete den Sammelplatz aller berufsmäßigen Sänger und Tänzer von Tenochtitlan und der Schwesterstadt Tlatelolco das „Haus der Wölkenschlange“ im Palast des Herrschers. Hier erwarteten sie die Anweisungen ihrer Herren; und wenn sie ihr Lied anstimmten, so stimmte es zweifellos in dieser hierarchischen Gesellschaft mit den Gedankengängen ihrer Herrscher und Auftraggeber überein.

„Wie Quetzalfedern,

wie Jadegestein

ist ein schönes Lied mir teuer,

sind die Blumen (der Worte) kostbar.

Ihr, Edle,

Ihr, junge Brüder,

freut Euch, denn niemand

wird ewig auf Erden bleiben.

Auch ich

werde mit meinen schönen Blumen und Liedern vergehen.

Bedenkt es,

Ihr Edlen, jungen Brüder.

Ich weine

und streue die Blumen aus.

Du wie ich

wirst von dannen gehen in das Rätsel-Land.

Ich werde die Blumen mitnehmen.

So freu’ Dich jetzt, daß Du lebst und mein Lied hörst.

Ich, der Sänger, ich muß weinen.

Nie wird es

ein Lied auf ein Freuden-Land geben,

denn ins Totenland

werden die schönen Blumen getragen.

Nach dorthin

haben sie sich gewendet.

Ins Laken des Todes gewickelt zu werden, das ist das Glück, das Euch blüht,

Ihr Edlen.

Nie wird mein Lied mir leicht fallen.“ („Todesklage“, gekürzt wiedergegeben (Cantares Mexicanos))

Eine Sprache, in eine so feste Form gesetzt, entstand bestimmt nicht von einer Generation zur anderen. Zweifellos wurde die aztekische Dichtung wie auch die bildende Kunst auf dem Podest älterer Kulturen errichtet. Prophetisch wie keine andere uns bekannte Dichtung einer untergegangenen Kultur wirft die aztekische die düsteren Schatten der kommenden Geschichte voraus. Als Götter zogen die Spanier am 8. November 1519 in Tenochtitlan ein, als Freunde wurden sie behandelt, und als Teufel trieb man sie in der „noche triste” am 30. Juni 1520 aus der Stadt. Der geschaute Reichtum aber ließ die Eroberer nicht ruhen. Sie sammelten neue Kräfte, warben aztekenfeindliche Stämme zu ihren Hilfstruppen und begannen, gestützt auf ihre technische Überlegenheit, mit der Belagerung der aztekischen Hauptstadt. CortSs schreibt von 75 Tagen (Bernal Diaz del Castillo spricht von 93), dann erst gelang es den Spaniern, den jungen Aztekenherrscher Quautemoc gefangenzusetzen. Das Versprechen Cortes, Quautemoc seinen Mut nicht als Schuld anzurechnen und ihn nicht von seinem Thron zu stoßen, entsprach mehr einer „cortesfa“ der damaligen Zeit als den historischen Tatsachen. Unter fadenscheinigen Vorwänden ließ einige Jahre später der Eroberer von Mexiko und „Markgraf von Oaxaca“ den letzten aztekischen Herrscher hängen. Quautemocs ebenso junge wie hübsche Frau, die jüngste Schwester Moctezumas, dies sei nur nebenbei bemerkt, reichte nach dem Tode ihres Gemahls drei spanischen Edelleuten nacheinander ihre Hand zum ehelichen Bunde (Prescott: „The Conquest of Mexico“). Damit sickerte das geschmähte aztekische Blut in einige der berühmtesten spanischen Familien.

Doch zurück nach Tenochtitlan. Mit der Gefangennahme des höchsten indianischen Würdenträgers am 13. August 1521 war der Widerstand des Volkes gebrochen. Das große Schweigen legte sich über die einst so prächtige Stadt.

„Auf den Straßen liegen zerbrochen die Speere.

Unsere Haare haben wir zerrauft.

Abgedeckt sind die Dächer unserer Häuser, von Blut rot ihre Wände.

Würmer kriechen auf Straßen und Plätzen, und an den Mauern kleben die Gehirne.

Rot sind die Gewässer, sind fahl wie Gerberlohe,

und wenn wir daraus trinken, so schmeckt Wasser nach Tränen.

Wir schlugen auf die Wände aus Lehm, und unser Erbe war durchlöchertes Netz.

Die Schilde (unserer Krieger) konnten uns Sicherheit nicht gewähren.

Wurzeln haben wir gegessen und Seegras gekaut.

Mit Staub und Mauerresten

stillten wir unseren Hunger,

mit Eidechsen, Ratten und Würmern.

Wenn wir Fleisch sahen, aßen wir es fast roh, griffen ungeduldig danach und verschlangen es.

Man setzte einen Preis auf uns: einen Preis für einen jungen Mann, einen Priester, ein Kind, ein junges Mädchen. Für einen armen Mann war der Kopfpreis nur zwei Handvoll Mais, nur zehn Fliegenkuchen, nur zwanzig salzige Seegrastorten, das war der Preis.

Gold, Jade, kostbare Gewänder,

Quetzalfedern,

alles, was einst Wert besaß

zu einem Nichts ist es geworden.“ („Relaciön de la Conquista (1528) por informantes anonimos de Tlatelolco“, aufbewahrt in der National Bibliothek von Paris unter dem Titel „Unos anales historicos de la naciön mexicana“. Wahrscheinlich die älteste Schrift, die aus der indianischen Sicht die Eroberung beschreibt. (In spanischer Übersetzung von Angel M.Garibay K., herausgegeben von Miguel Leon Portilla, erschienen: Mexiko 1959 unter dem Titel „Vision de los Vencidos“. Eine deutsche Ausgabe unter dem Titel: „Rückkehr der Götter“, Köln und Opladen 1962, Leipzig 1964)


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