Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Der Grieche und der Azteke

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Die Griechen der Klassik haben den Menschen als göttliches Maß entdeckt und zu ihrer Mitte gemacht. Ihre Helden wurden zu Göttern, und als Götter sind sie Helden geblieben. Menschliche Leidenschaften, ja sogar menschliches Versagen ist ihnen zugebilligt worden. Die tragische Bedingtheit des Menschen im Universum spielte in der Religion wie in der Kunst nur eine begleitende Rolle, während sie bei den Azteken das ganze Denken einnahm. Der Mensch als Diener der Götter hatte nach Ansicht der Azteken nicht allzuviel von seinem Leben zu erwarten. Schon die Begrüßungsworte an ein neugeborenes Kind lauteten:

„Du wirst Leid kennen und kosten lernen, Mißgeschick und Ekel sehen. An die Stätte fortwährender Trauer und des Trübsais bist du gekommen. Wo sich der Schmerz erhebt, wo es erbärmlich ist.“

Zwar war der persönliche Erfolg der Krieger wünschenswert, doch er hatte nur sekundäre Bedeutung. Das Primäre bestand im Dienst an den Göttern. „Damit die Sonne die Erde erleuchten kann, muß sie sich von Menschenherzen nähren und Blut trinken. Des­halb mußte der Krieg geschaffen werden, durch den allein Blut und Herzen gewonnen werden konnten. Da alle Götter es so wollten, schufen sie den Krieg“, („Historia de los Mexicanos por sus pinturas“ (Herausgegeben von Joaqufn G. Icazbalceta („Nueva coleccid de documentos para la historia de Mexico“) Mexiko 1891.) so heißt es in einer aztekischen Schöpfungsgeschichte. Nach Auffassung der Azteken sind die irdischen Ereignisse nur Spiegelbild der himmlischen. Tag für Tag sahen sie am Himmel das Vorbild für ihre Taten: den ständigen Krieg zwischen Sternen, Mond und Sonne.

Das Pantheon er Götter in der Kunst

Ein Homer, der die Differenzierung des griechischen Olymps erst voll bewußt gemacht hat, fehlt für Mexiko; wohl aber helfen die Aufzeichnungen des Franziskanerpaters Sahagün, die meisten Götter zu erkennen und ihren Symbolgehalt annähernd zu umgrenzen. Durch seine und andere Mitteilungen sind viele aztekische Götterstatuen selbst in ihrer Fremdheit zum Teil doch noch verständlich geworden. Diese Unterstützung durch das Wort war notwendig, denn in wohl kaum einer anderen Kultur-vielleicht die indische ausgenommen – bilden Religion und Kunst eine solche Einheit. Wenn man von den großen Arbeiten der Azteken reden will, kommt man unweigerlich wieder auf ihre Götter zurück. Die ganzen religiösen Ideen, der ständige Wunsch, Unsichtbares mit Sichtbarem maßvoll zu verbinden, sind in diesen Skulpturen der Spätzeit eingefangen. Zu den bekannten Hauptwerken zählen neben der entmenschten Göttermutter Coatlicue die Bildnisse des Sonnen­gottes Tonatiuh, der auf dem Rücken das Kalenderzeichen naui ollin = „4 Bewegung“ trägt. Er zeigt sich als einer der wenigen Götter mit den liebenswerten und sympathischen Zügen eines jungen Kriegers. Sein Wesen ist mit der lebensspendenden Sonne identifiziert. In Skelettgestalt dagegen präsentiert sich Xolotl, der Todes­gott, und als Greis, in einen Schildkrötenpanzer gehüllt, begegnen wir Tonacatecuhtli, dem bärtigen Schöpfer­gott. Das Antlitz Tlalocs ist aus Attributen von Schlangenleibern, menschlichen Gesichtszügen und einer abstra­hierten Ornamentation zusammengesetzt. Die Göttin Itzpapalotl, „Obsidianschmetterling“, zeigt sich mit geöffneter Brust, der eine Blume entspringt. Quetzalcoatl, die „gefiederte Schlange“, übersetzten die Bildhauer oft wortwörtlich in Stein als eine aufgerichtete, mit Federn überzogene Schlange. In seiner Eigenschaft als Windgott Ehecatl fand sich eine lebensgroße Statue in Calixtlahuaca, die ihn als Mensch zeigt. Nur die Maske in Form eines Vogelschnabels weist ihn als den durch die Lüfte eilenden Gott aus. Xochipilli, „der Blumen­prinz“, der Gott der Freude und der Musik, trägt dagegen eine undurchdringliche Maske, hinter der er sein wahres Gesicht verhüllt (Abb. 193). Mit Blumen und Blüten ist sein Körper tätowiert. Als sein dunkler Gegen- spieJer tritt der Gott des Tanzes Ixtliton, „das kleine Schwarzgesicht“, auf. Mit nur einem Lendenschurz beklei­det, die Arme auf die angezogenen Knie gestützt, verkörpert er eine der menschlichsten Gestalten im aztekischen Pantheon (Abb. 209).

In vielen dieser aztekischen Götterskulpturen verschmelzen die verschiedensten Formen zu einer geistigen Wesenseinheit. Nicht das Menschliche, sondern das Übermenschliche wurde vom Künstler erstrebt. So sind viele Skulpturen sichtbar gewordene Bilder der Naturkräfte. Der Bildhauer versuchte immer wieder, den imaginären Dingen Ausdruck zu verleihen, und oft steht Poetisches unmittelbar neben Brutalem, Reines neben Abschreckendem. Die fein gegliederte und esoterische Formensprache der Maya-Kultur war den Azteken fremd. Ihre Skulpturen zeichnet die unheimliche Kraft der ehemaligen Barbaren aus, die auf keine Tradition zurückblicken. Der ungebändigte Wille, eigenes zu schaffen, kommt in der Bildhauerkunst erst in späteren Jahren deutlich zum Vorschein. Fast alle aztekischen Meisterwerke, die wir kennen, entstanden während der Regierungszeit der letzten drei unabhängigen Herrscher. Durch ihre Vitalität, nicht selten auch durch ihre Monumentalität, demonstriert diese Kunst den Stolz ihrer Schöpfer oder zumindest Auftraggeber, die als „das auserwählte Volk“ die Götter ernährten. Gleichzeitig reflektiert sie aber auch die Furcht vor diesen Mächten. So sind Furcht und Stolz, das sich Widersprechende, in fast jedem Kunstwerk zu finden.

Nicht von ungefähr wurde der sonst in Mexiko so bevorzugte Ton von den Azteken vernachlässigt. Ihr Lieblings- material ist der harte Stein gewesen. An ihm konnten sie ihre Kräfte messen. Selbst das glasharte und spröde Bergkristall und der Obsidian schreckten die Bildhauer mit ihren Steinwerkzeugen nicht, sie zu phantastischen Skulpturen zu verarbeiten (Abb. 214). Mit dieser Vorliebe weisen sie sich zum Teil als die künstlerischen Erben der La Venta-Kultur aus; denn kein mexikanisches Volk hat in den dazwischenliegenden eineinhalb Jahrtau­senden den Stein wieder so zum Leben erweckt wie die Azteken. Ohne Rücksicht auf Zeit, technische Schwierig­keiten und die Arbeitsleistung der Schöpfer entstanden unzählige Monumente, von denen ein großer Teil noch unter der modernen Hauptstadt der heutigen Republik begraben liegt. Im Gegensatz zur fatalistischen Lebens­auffassung des Volkes steht die ästhetische Philosophie der Künstler.

„Der Künstler (Das Wort „toltecatl“ – das wir mit „Künstler“ übersetzen – übertrug Sahagun ins Spanische mit dem Woi „mechanico“.) ist gebildet, er ist der Kunstfertige.

Besonnen, findig, klug und verschwiegen muß der gute Künstler sein.

Der wahre „Künstler“ arbeitet mit freudigem Herzen, geduldig und ohne Hast, sorgfältig geht er ans Werk, macht es mit Geschicklichkeit, baut es auf, erfindet die Form.

Er ordnet die Materie, fügt alles zu einem, läßt es zusammenklingen.

Der schlechte Künstler sorglos und scheinheilig ist er, verhöhnt die Menschen, betrügt die Leute.

Er ist ein Dieb.

Der Steinschneider, der mit dem Meißel umgeht, der ihn bewegt und schwingt, zäh, kraftvoll und energisch, er ist der Steinmetz und , ein guter Baumeister ist er auch.

Der wahre Bildhauer, ehrlich, überlegt, diskret ist er, maßvoll und erfolgreich.

Er hat geschickte Hände, fähig sind seine Finger.

Er arbeitet im Stil von Tula.

Er schleppt und bricht den Stein, er meißelt und poliert ihn …

Er schafft alle möglichen Dinge, baut ein Haus, plant und entwirft es, zeichnet die Pläne, gestaltet das Haus …“


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