Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Der Codex Vindobenensis

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Vom Codex Vindobenensis, der schon 1520 nach Europa kam, schreibt Karl A. Nowotny: „Er enthält eine geheiligte Bilderfolge, die sich über 52 Seiten erstreckt; die Rückseite war ursprünglich leer gelassen. Die Bilderfolge berichtet über die Urzeit, über die Entstehung der Götter und die Entstehung des mixtekischen Adels aus einem Baum, hoch im Gebirge der Mixteca Alta, beim heutigen Dorf Apoala (Abb. 106).

Diese Bilderfolge gleicht der Partitur eines Musikstückes, die man in vielen Stellen noch nicht lesen und zum Erklingen bringen kann, deren Anlage, Einteilung in Abschnitte und Hauptmotive man jedoch bereits kennt. Die Bilderfolge hat 10 Abschnitte: davon 5 Hauptabschnitte, ein einleitender Abschnitt, 2 eingeschobene Ab­schnitte und 2 Endabschnitte. Letztere enthalten sowohl geschichtliche Überlieferungen als auch solche über die Tempel des mixtekischen Gebietes mit ihrer aufeinander abgestimmten Funktion im Gottesdienst. Jeder der Abschnitte ist von der Darstellung einer kultischen Feuerbohrung abgeschlossen.

Der Abschnitt (Abschnitt I, S. 52-47) beginnt mit einer Präambel, die die zehn wichtigsten Pflichten der Priester aufzählt, sowie mit zehn Ortshieroglyphen, deren erste, eine schwarze Mauer, die Hieroglyphe der mixtekischen Königsstadt Tilantongo zeigt.

Dann folgt die Entstehung der Götter der Urzeit. An der Spitze der Götterdynastien stehen verschiedene Paare, „Mutter und Vater“ zugleich, nach der altindianischen Auffassung. Die Kinder des Paares, Herr „1 Hirsch“ und Frau „1 Hirsch“, bilden eine lange Reihe, die mit dem Jahresdatum „5 Feuerstein“ abschließt. Einige Kinder dieses Paares, merkwürdige Baum- und Steinmenschen, sind mit dem Baum von Apoala nochmals wiederholt. Es folgen weitere Wiederholungen und auch neu erscheinende Personen. Schließlich ist die Geburt des Gottes Quetzalcoatl, „9 Wind“ mit seinem Kalendernamen, aus einem Steinmesser dargestellt. Das Steinmesser ist eines der Kinder dieses Paares Herr „1 Hirsch“ und Frau „1 Hirsch“. Der Gott, somit der Enkel dieses Götter­paares, Quetzalcoatl, „9 Wind“, holt als Morgenstern die Stammesheiligtümer vom Himmel herab: das heilige Bündel, Stabbündel, die Muscheltrompete und die Lanze der Quincunx (Würfelfigur 5). Neben ihm hängen Sonne und Mond am Himmel. Quetzalcoatl, „9 Wind“, hebt schließlich den eingestürzten Himmel aus dem Wasser empor (Abb. 143).

Mythologie und Geschichte

Gleich einer archaischen Überlieferung wird in den folgenden Abschnitten das Vorhergehende stets wiederholt und zum Teil ergänzt. Erst nach dieser mythologischen Untermauerung schält sich langsam die Geschichte heraus. Sie beginnt mit der Geburt des Häuptlings ,,4 Aligator“, dem Gründer der Dynastie von Tilantongo, beziehungsweise mit der etwas früheren Geburt der Prinzessin „7 Blume“, im Codez Teozacoalco bebildert. In Europa schrieb man des Jahr 692. Ohne Unterbrechung besteht dann diese Dynastie, wie durch das Hinzuziehen anderer Quellen ersichtlich ist, bis 1580, dem Jahr, in dem der Häuptling von Tilantongo auf den Namen Francisco de Mendoza von den Spaniern getauft wird. Auch Intimitäten berichten diese Faltbücher. So erfahren wir von Vermählungen zwischen Brüdern und Schwestern und anderer Blutsverwandten wie auch von einer Hochzeit eines sechzigjährigen Mannes mit einem achtjährigen Mädchen. Leben und Taten namhafter Persön­lichkeiten sind in den oft mehr als zehn Meter langen Büchern über ganze Seiten hinweg beschrieben, wie etwa die des Kalenderreformators „5 Rohr“ (oder „5 Aligator“) und die seines berühmten Sohnes ,,8 Hirsch“. Dieser mixtekische Kulturheros trug nicht nur den Tag seiner Geburt als Namen, er wurde mit dem Beinamen „Tigerklaue“ bedacht. Wie in den anderen Geschichtsbüchern dieser Welt, so ist auch in den mixtekischen Aufzeichnungen von Kriegen und Verträgen, von Feuersbrünsten und Morden, von Geburten und Opfern die Rede.

Ideenschrift und Lautschrift

Den Schritt von der Ideenschrift zur Lautschrift, bei der jedes Bild einen Wortbestandteil ausdrückt, vollzogen erst die Azteken in ihren Ortshieroglyphen. Zur nächsten Stufe, zum Alphabet, konnte kein Volk der indianischen Welt mehr aufsteigen, denn gerade als sich diese Entwicklung vollziehen sollte, kamen die Spanier und mit ihnen die lateinischen Lettern.

Gleich dem Reichtum der Zapoteken, war für die Mixteken ihre künstlerische Begabung ein Verhängnis. Die weiter im Norden lebenden Azteken schätzten die subtile, farbenfrohe Keramik ebenso wie die feingliedrigen Goldarbeiten. 1494, nach zahlreichen vorangegangenen Kämpfen, unterlagen die Mixteken den Azteken und wurden tributpflichtig gemacht. Zahlreiche mixtekische Künstler traten unfreiwillig den Weg als „Fremd­arbeiter“ in die aztekische Hauptstadt an, um dort den fremden Herrschern ihr Talent zur Verfügung zu stellen. Einige Generationen vorher, zwischen 1340 und 1350, spielte dieses begabte Bergbauernvolk selbst mit der Idee der Expansion. Teils im Kampf, teils durch Diplomatie – wir haben Kenntnis von erfolgreichen Einheiraten mixtekischer Adeliger in zapotekische Fürstenhäuser – breitete der Stamm sich nach Süden aus. Mixtekische Sprachinseln im zapotekischen Raum zeugen noch heute von dieser Expansion. Archäologisch findet sich die Be­stätigung sowohl in den Gräbern auf dem Monte Alban als auch im Stil der Fresken von Mitla. Im Norden sind die Zeugnisse nicht so eindeutig. Doch dürften die Mixteken als „kulturelles Düngemittel“ wie Linn6 es ausdrückt, auf alle Völker gewirkt haben, mit denen sie in Berührung gekommen sind, und es waren nicht wenige. Spuren dieser Hochlandbewohner lassen sich bis an die Küste von Vera Cruz verfolgen. Die auf der Isla de Sacrificios gefundene Keramik ist stilistisch der mixtekischen nahe verwandt. Die Hauptmanufaktur dieser so begehrten Ware aber stand, zumindest in den Jahrhunderten vor der Eroberung, in Cholula. Von dort aus verbreitete sich das „Meissen“ der „neuen Welt“. Mehr als 1700 km weiter nördlich entdeckte Gordon Eckholm in einer großen hügelförmigen Grabanlage bei Guasave am Rio Sinaloa die geschätzte mixtekische Keramik, von der wir auch wissen, daß sie die Tafel der aztekischen Könige zierte.


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