Maya and Aztec

Ancient Mesoamerican civilizations






Die Stadt zur Zeit der Eroberung

Category: Alt-Mexico und seine Kunst

Die sumpfige Insel wurde zu einem Netz geometrisch angeordneter Wasserstraßen und Festlandflächen. Mit einer Seitenlänge von 3 km und einer Fläche von etwa 1000 Hektar-Roms Fläche betrug im Vergleich innerhalb der aurelianischen Stadtmauern 1368 Hektar – war das äußerste Limit erreicht. Die Schätzungen über die Einwohnerzahl früher Chronisten schwanken zwischen 60000 und 120000 Häusern. Nach Torquemada lebten zwischen 4 bis 10 Personen in einem Heim. Nimmt man den Durchschnitt von 7 Menschen und die Mitte der geschätzten Häuser, so ergibt sich zu Beginn des 16.Jahrhunderts eine Einwohnerzahl von 560000 bis 700000 Seelen. Diese Ansicht vertritt Jaques Soustelle, während andere Forscher geneigt sind, das für eine Übertreibung zu halten, denn damit wäre Tenochtitlan bei weitem die größte Stadt ihrer Zeit gewesen. Bleibt man bei der üblichen Schätzung von 300000 Bewohnern, so dürfte es auch hier schwerfallen, im Europa des Mittelalters eine gleichgroße Stadt zu finden.

Bei der Beschreibung der Stadt müssen wir uns auf die Augenzeugenberichte der Eroberer verlassen, da die 51/, Millionen-Hauptstadt der heutigen Republik das alte Tenochtitlan unter sich begrub. Für eine systematisch­wissenschaftliche Ausgrabung, geschweige denn für eine Rekonstruktion, besteht keine Möglichkeit mehr. Doch die Berichte, die sich erhalten haben, geben ein deutlicheres Bild als das, welches wir von mancher deutschen Stadt der Karolingerzeit haben. Moctezuma selbst ergriff die Hand des ungebetenen Cortes und führte ihn und andere seiner Hauptleute – Bernal Diaz war natürlich auch dabei – die Stufen des höchsten Tempels empor, um ihnen von dort aus Tenochtitlan und seine Umgebung zu zeigen. „Wir sahen die große Stadt und auch die ande­ren, kleineren, die ebenfalls vom Wasser umgeben sind. Auch die vielen Städte, die das Seeufer säumten, konnten wir von dort aus erblicken. Wir sahen die drei Dämme, welche nach Tenochtitlan führen, den, der von Ixtapa- lapa herübergeht und auf den wir vier Tage zuvor in die Stadt einzogen, und den von Tacuba, das ist der, auf dem wir in der „Traurigen Nacht“ flohen, als Cuitlahuac, der neue Herrscher, uns aus der Stadt warf – und den von Tepeaquilla“. (Bernal Diaz). Jeder ist zwei spanische Lanzenlängen breit, so daß ihn bequem acht Reiter nebeneinander passieren können. Von welcher Seite des Ufers man auch kommen mag, immer braucht man vom Land zur Stadt zwei Stunden. Die Hauptstraßen sind breit, dabei schnurgerade, wie auch alle die übrigen Gassen. Andere Straßen sind eng, doch durch die meisten laufen neben den Fußwegen noch Wasser­straßen, auf denen Kähne fahren, so daß man fast von jeder Gasse auch auf dem Wasser in jede andere gelan­gen kann. Etliche Kanäle sind breit, und viele ansehnliche und gut gebaute Brücken führen über sie hinweg. Sie sind oft so breit, daß zehn Reiter nebeneinander sie überqueren können.

Temixtitan (Tenochtitlan) hat viele schöne Paläste, und dies darum, weil alle Edelleute, die Moctezuma unter­tänig sind, eigene Häuser in der Hauptstadt besitzen, um einen Teil des Jahres dort zu verbringen. Dazu haben viele reiche Bürger sehr schöne, ja sogar prächtige und geräumige Häuser mit herrlichen Blumengärten auf ebener Erde oder auf den flachen Dächern. Auch hat die Stadt auf einer nahe gelegenen Anhöhe des Festlandes (Chapultepec) ein Wasserwerk und eine Wasserleitung, die in langen Steindämmen zur Stadt führt. In zwei mannsdicken Wasserleitungen fließt das wohlschmeckende Süßwasser, das heißt eine davon wird gereinigt, während die andere in Betrieb ist … An den Eingängen der Stadt und an den Plätzen, an denen die Schiffe entladen werden, also an Stellen, wo Lebensmittel und Waren in die Stadt gelangen, stehen kleine Häuser, in denen Zollwärter sitzen, die auf alle Einfuhr eine gewisse Abgabe erheben. Wie ich vermute, für den König oder für die Stadt …

Die Bewohner dieser Stadt haben strengere Sitten als die Einwohner anderer Städte … Dieweil Herr Moctezuma und wie schon gesagt alle Edelleute des Landes ständig in der Hauptstadt wohnen, herrscht diese strenge Zucht. Im allgemeinen geht der Verkehr im Volke in der selben Art vor sich wie in Hispanien … Es gibt viele prächtig erbaute Moscheen (Tempel), in denen die Götzen des Landes verehrt werden. In den größeren wohnen oft Priester in sehr schönen Behausungen. Alle Pfaffen hierzulande tragen eine schwarze Tracht. So lange sie im Amt sind, kämmen und schneiden sie ihr Haar nicht. In den Priesterberuf treten die Söhne der Adeligen und der vornehmen Bürger etwa im siebten oder achten Lebensjahr. Die Erstgeborenen nimmt man später aus den calmecac (eine Art Klosterschule), wieder heraus, um sie zu verheiraten; selten aber die anderen. Frauen dürfen die Priesterhäuser nicht betreten, ebenso ist es den Priestern verboten, in die Wohnung der Frauen zu gehen. Auch gewisse Speisen durften sie nicht essen. Der Haupttempel steht auf einem großen Platz, den eine achtfußhohe Mauer umgibt. Dieser Wall ist im Viereck gebaut und hat riesige Tore mit Türmen und Zinnen. „Der gesamte (Tempel)Bezirk ist so groß, daß man darin für 500 Menschen Häuser bauen könnte“ schrieb Cortes in seinem 1. Brief an Kaiser Karl V.

Als die Azteken auf die Insel kamen, hieß es noch: „Armselig und bescheiden war das Haus, das sie ihrem Gott Huitzilpochtli erbauten. Klein war es, denn wo hätten sie in dieser Fremde zwischen Schilf und Rohr Bausteine und Holz finden können.“ Als die Spanier kamen, war der Haupttempel höher als die Kathedrale von Sevilla. „Er hatte die Gestalt einer viereckigen Pyramide. Ganz oben auf der weiten Plattform, auf die man durch eine breite Außentreppe gelangt, stehen zwei Tempel in Gestalt von Türmen, errichtet aus geglättetem Stein und geschnitztem Holzwerk. Riesige Götzenbilder thronten in ihnen … Jeder der beiden Tempel war einem anderen Gott geweiht; der eine Huitzilopochtli, dem Kriegsgott der Mexikaner, der andere Tezcatlipoca, dem Erschaffer der Welt.“ Hier irrte der Eroberer Cortes, denn der zweite Tempel von Tenochtitlan war dem uralten Vegeta­tionsgott Tlaloc geweiht. Etwa 120 Stufen führen zu diesem Heiligtum, und zwei hohe Priester, „gleichwertig in Stand und Ehre“, bildeten das Oberhaupt der altmexikanischen Kirche. In diesem Dualismus begegnen wir wieder einem konkreten Beispiel der alten indianischen Religionsauffassung. Huitzilopochtli, der Stammesgott und Krieger, ist ein Überbleibsel der alten Jagdgötter der Nomaden gewesen, und Tlaloc, der Gott der Frucht­barkeit, war eine Gottheit der seßhaften Ackerbauern (Textabb. S. 90).


« ||| »



Comments are closed.